Civil G8 2006

Die Civil G8 – eine Möglichkeit für alle,
die globalen Probleme zu diskutieren!

„Bildung“. Empfehlungen des Forums zum Treffen der Führer der G8-Staaten in Sankt Petersburg im Juli 2006.


Präambel

Wir, die Teilnehmer der Civil-G8, die Vertreter von nichtstaatlichen Organisationen, sind der Meinung, dass:
• der Mensch unter den Bedingungen der Globalisierung und der heutigen Herausforderungen die Grundlage für die Sicherheit des Planeten bildet und dass der Schlüssel zu seiner Entwicklung eine mehrschichtige Basis- und Berufsausbildung ist;
• das Recht der Persönlichkeit auf Entwicklung durch den Bildungsraum insgesamt und die Tätigkeit von Bildungsanstalten (aller Arten von Eigentumsformen), hauptsächlich aber durch die Qualität der gewährten Bildungsangebote unter Berücksichtigung der individuellen Besonderheiten und Bildungsbedürfnisse jeder Person gewährleistet wird
• dass es notwendig ist, sowohl den Inhalt und die Form der Ausbildung zu erweitern und zu variieren als auch deren Leitung umzuorientieren, um eine „Welt der gleichen Möglichkeiten“ auf der Grundlage der Bildung für alle und der Integration eines jeden zu schaffen.
Uns stützend auf die Erklärung der Führer der G8 in Gleneagles 2005, die die Gewährleistung einer kostenlosen, vollwertigen und qualitativ hochwertigen Bildung für alle Kinder bis zum Jahr 2015 unterstützten, auf die Prinzipien der UNESCO-Deklaration von Salamanca und die Tätigkeit von Programmen wie „Bildung für alle“, „Erwachsenenbildung“ und „UNO-Jahrzehnt der Bildung im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung“ halten wir die folgenden Punkte für aktuell:
• Die Prioritäten auf dem Gebiet der Bildung sollten ausgehend davon gesetzt werden, dass jeder, unabhängig von seiner sozialen, ethnischen, konfessionellen und geschlechtlichen Zugehörigkeit und von vorübergehenden oder ständigen Einschränkungen seiner Lebensfunktionen das Recht auf den Zugang zu einer vollwertigen, qualitativ hochwertigen Bildung hat.
• Die intellektuellen und materiellen Ressourcen unserer Staaten sollten abzielen auf die Modernisierung und Entwicklung der Bildung mittels Unterstützung und im weiteren mittels der Einführung einer integrativen (inklusiven) Bildung für alle im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung der Menschheit unter den Bedingungen der Globalisierung, der Förderung einer zivilgesellschaftlichen Bildung und Teilnahme der Bürger an der Steuerung des Bildungswesens.
Ausgehend von der Auffassung, dass Bildung die wichtigste Ressource für eine nachhaltige Entwicklung ist, schlagen wir vor:
• eine Erweiterung des Begriffes „Bildung als Weitergabe von Wissen“ anzunehmen und nicht nur als obligatorische Grundausbildung zu betrachten, sondern auch als selbständige Aneignung von Wissen, Fertigkeiten und ethischen Prinzipien, die für eine soziale Adaption, die Aneignung der lokalen und globalen Kultur, eine professionelle Tätigkeit und schöpferische Selbstverwirklichung notwendig sind.
• zusätzliche Möglichkeiten des Zugangs zu Bildungsressourcen zur Verfügung zu stellen und für eine Erweiterung des Spektrums der frei zugänglichen (darunter auch über das Internet) Materialien zu sorgen, und zwar durch die Unterstützung von Portalen, Webseiten und neuen Suchmaschinen, durch das Einstellen von Übersichten und Bibliotheken ins Internet, durch die Übersetzung von Information in die Nationalsprache, durch die Verwendung von Informationsressourcen des nichtstaatlichen Sektors.
• ein internationales System von professionellen öffentlichen Expertisen für Bildungsinitiativen auf den angeführten Prioritätsgebieten zu schaffen, sowie ein System von regionalen Zentren für wissenschaftlich-technische Information zur weiteren Entwicklung und Vervollkommnung der Bildung unter den Bedingungen der Globalisierung und unter Teilnahme des nichtkommerziellen Sektors und von Bürgerorganisationen.
Weit verbreitete Praktiken anzuerkennen und zu unterstützen wie zum Beispiel:
• die Regulierung und Unterstützung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden mittels Stimulierung des Erwerbs neuer Qualifikationen und Fertigkeiten, die unter den Bedingungen des sich ausweitenden globalen Arbeitsmarktes unabdinglich sind, bei gleichzeitiger Gewährleistung der Universalität der Menschenrechte und der besonderen Achtung der Rechte von Kindern;
• die Anerziehung einer verantwortungsbewussten Einstellung zur Umwelt, der Toleranz und der gegenseitigen Achtung der Kultur und Traditionen verschiedener Völker; der Übergang zu nachhaltigen Produktionsmodellen und Konsumverhalten mit dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung;
• Gewährleistung der freien Suche und Zugänglichkeit von Informationen für den Selbstunterricht mit dem Ziel der Erzielung von Erfolgen im Leben und der Möglichkeit der persönlichen Selbstverwirklichung;
Ausgehend von den oben angeführten Überlegungen machen wir konkrete Vorschläge für die folgenden Hauptrichtungen:

Teilnahme der Bürger an der Steuerung und Entwicklung des Bildungswesens

Um die Qualität der Bildung unter den Bedingungen einer intensiven Entwicklung von neuen Kenntnissen, von sozialen Umbildungen und einer Verstärkung der soziokulturellen Mission der Bildung zu erhöhen, machen die Teilnehmer des Runden Tisches folgende Vorschläge:

Die Staaten sollen die Bedingungen für eine reale Teilnahme der Institutionen der Zivilgesellschaft, der Eltern, der Studierenden (Schüler), der Berufsvereinigungen an der Steuerung des Bildungswesens schaffen, und zwar vor allem durch die Transparenz und Informationsoffenheit des Bildungssystems und die Schaffung von Rechtsmechanismen für Lobbying und zivilgesellschaftliche Beeinflussung;

Es wird empfohlen, ein internationales System der Expertise und Beurteilung von Bildungspolitiken und –praktiken unter Teilnahme der Zivilgesellschaft und einer internationalen Experten- und Berufsvereinigung zu schaffen;

Die Führer der G8 müssen auch in Zukunft den internationalen Austausch der erfolgreichsten Versuche auf dem Gebiet der Steuerung des Bildungswesens und Sicherung des Zugangs von Administratoren und Profis zu hochwertigen Programmen für eine ununterbrochene professionelle Entwicklung.

Entwicklung der zivilgesellschaftlichen Bildung

Wir anerkennen eine zivilgesellschaftliche Bildung als öffentlich-staatliches, sozial orientiertes System der ununterbrochenen Lehre und Erziehung, das abzielt auf die Formung von staatsbürgerlicher Kompetenz, demokratischer Kultur, die Befriedigung des Bedürfnisses nach Sozialisierung im Interesse der Persönlichkeit, der Gesellschaft und des Rechtsstaates auf der Grundlage von Wissen, Fertigkeiten und Werten, die die Lösung neuer Herausforderungen und Probleme, die Adaption an sich ändernde äußere Bedingungen und die Gewährung sowie den Schutz der Rechte und Interessen der Persönlichkeit bei gleichzeitiger Achtung der Interessen und Rechte anderer Menschen fördern, und schlagen vor,

das Jahr 2007 zum Jahr der zivilgesellschaftlichen Bildung zu erklären und im Rahmen dessen:

• in Zusammenarbeit mit den Institutionen der Zivilgesellschaft einen Plan der gemeinsamen Aktionen der G8-Mitgliedsstaaten auszuarbeiten, die Ausarbeitung von national- und internationalrechtlichen normativen Akten in dieser Sphäre zu initiieren, u.a. eines Projekts einer UNO-Konvention über die zivilgesellschaftliche Bildung und seine Behandlung in der UNO Generalversammlung;

• anzuerkennen, dass der „dritte Sektor“ unserer Länder ein gleichwertiger Partner der Staaten bei der Einführung und Verwirklichung der zivilgesellschaftlichen Bildung ist; zu diesem Zweck ein Internationales Forschungszentrum (einen Fonds) zu dieser Problematik einzurichten, dessen Aufgaben die folgenden sein sollen:

- die Akkumulierung und Verbreitung der Erfahrung von zivilgesellschaftlichen Praktiken im Rahmen von Bildungsanstalten und im Leben der örtlichen Gemeinschaften.

- die Definition des Begriffs der zivilgesellschaftlichen Bildung mit „gegenseitig akzeptierbarem“ Inhalt, die Ausarbeitung von Bildungsstandards und Beurteilungskriterien für deren Qualität;

- Durcharbeitung und Verbreitung von Innovationen und modernen Technologien der zivilgesellschaftlichen Bildung und rechtlichen Aufklärung.

• anzuerkennen, dass die Schaffung eines Systems der zivilgesellschaftlichen Bildung und von Programmen zu ihrer Verwirklichung nur möglich sind, wenn die Tätigkeit der Strukturen der staatlichen (und munizipalen) Bildung und der nichtstaatlichen Organisationen kombiniert werden.

Entwicklung einer inklusiven Bildung

In Anbetracht der Tatsache, dass zur Zeit weltweit 115 Millionen Kinder keine Schule besuchen, und ausgehend von der Initiative zur beschleunigten Verwirklichung des Programms „Bildung für alle“ (der Fast Track Initiative), sind wir der Meinung, dass die einzige Art zur Gewährleistung einer Bildung für all jene, die meistens isoliert werden, ihre Miteinbeziehung in das allgemeinbildende Milieu ist, und rufen deshalb die G8-Staaten auf:

• die erzielten Erfolge bei der Anerkennung dessen, dass alle Kinder in den Bildungsprozess miteinbezogen werden sollen, zu unterstützen, indem sie jenen Kindern besondere Aufmerksamkeit schenken, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden: behinderten Kindern, Kindern mit HIV/AIDS, Waisen und anderen Kategorien, Straßenkindern, Kindern aus nationalen Minderheiten und Kindern von Immigranten;

• internationale Verträge abzuschließen zur Förderung einer groß angelegten Zusammenarbeit zwischen den Vertretern von staatlichen Strukturen und Schulen, pädagogischen Anstalten, gesellschaftlichen Organisationen, besonders Organisationen von Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten und von Mitgliedern ihrer Familien auf allen Bildungsebenen innerhalb der G8-Länder, damit die Zusammenarbeit sich auf einer sozialen Einstellung zu Behinderungen gründe und damit eine inklusive Bildung in der örtlichen Gesetzgebung festgeschrieben werde;

• jährlich 10 Milliarden US-Dollar für die Verwirklichung der „Fast Track Initiative“, der Initiative für die Beschleunigung der Verwirklichung des Programms „Bildung für alle“ zur Verfügung zu stellen und dafür zu sorgen, dass im Rahmen dieses Programms ausnahmslos alle Kinder in den Bildungs- und Lernprozess einbezogen werden.

Die Schaffung und Entwicklung eines globalen Bildungsmilieus

Zur Organisation des Dialogs der Zivilisationen auf der Grundlage des Prinzips einer gleichberechtigten Vertretung aller Bildungsparadigmen der Welt in jeder Region unseres Planeten sollen auf der Basis von Universitäten oder internationalen Bildungszentren, Zentren des interzivilisatorischen (interkulturellen) Bildungsdialogs geschaffen werden, im Rahmen derer Folgendes realisiert werden soll:

- regelmäßige Rollenlehrtrainings „Modell UNO“, „Modell Europäische Union“, „Modell UNESCO“ zur Herausbildung von Fertigkeiten zu einer internationalen Konsensbildung unter den Bedingungen von multilateralen Verhandlungen;

- eine konzentrierte Vorstellung von Bildungsangeboten in Form von Studienprogrammen im Ausland, einer Unterstützung durch Grants seitens der G8-Staaten und anderer Gemeinschaften;

- Bibliotheken von Lehrprogrammen und der Literatur verschiedener Kulturen und Zivilisationen zur Schaffung von „wechselseitigen“ Unterrichtskursen und anderer Lehrmittel;

- regelmäßiger Erfahrungsaustausch von Wissenschaftlern/Lehrenden und Studenten/Aspiranten bei teilweiser staatlicher Finanzierung und organisatorischer Unterstützung und bei gemischter Finanzierung durch den Staat und Grants.

Multikulturelle Bildung als Mittel zur Integration von nationalen Minderheiten und Migranten

Um dafür zu sorgen, dass die Bürger mit beliebiger ethnischer und konfessioneller Zugehörigkeit, und auch Migranten und nationale Minderheiten gleiche Möglichkeiten bei der Entwicklung der Persönlichkeit, der Fortsetzung der Bildung, der Arbeitsanstellung und bei der Karriere, sowie bei der Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben des Landes haben:

• ist ein Maßnahmenkomplex zur Erhöhung der Motivation von nationalen Minderheiten zur Erweiterung ihrer Bildung zu schaffen;

• ist der Zugang zur Bildung für alle Bürger unabhängig von ihrer Nationalität und ihrem Wohnort zu garantieren;

• ist ein wirksames System von zielgerichteter sozialer Unterstützung beim Erwerb einer vollwertigen und hochwertigen Bildung für Kinder von Migranten, Flüchtlingen und Aussiedlern zu schaffen.

• sind ethnokulturelle Bildungsinitiativen mit einem Akzent auf dem Studium der nationalen Sprachen zumindest auf dem Niveau zu fördern, das die Aufrechterhaltung der ethnischen Identität der Bürger garantiert.

• ist die Erziehung zu religiöser Toleranz, Friedfertigkeit und allgemeiner Toleranz mittels Unterricht in der Geschichte der Weltreligionen als Teil der Weltkultur anzustreben und nicht mit den Methoden der religiösen oder atheistischen Propaganda.

• mit den Mitteln eines nationalen Bildungssystems ist für die Bildung von Migranten in dem Umfang zu sorgen, der für eine alltägliche Kommunikation und berufliche Tätigkeit notwendig ist, sowie für eine Einsicht in die Grundlagen der Geschichte und Kultur des Landes oder der Region, in der sie wohnen, wobei eine kostenlose berufliche Umschulung für eine Arbeitsanstellung in den auf dem Arbeitsmarkt defizitären Berufen gewährleistet werden soll.